- Die Bedeutung der Zufluchtnahme zu den Drei Kostbarkeiten
-
Grossmeister
Shing-Yun
Wenn
wir die Welt um uns herum betrachten, sehen wir den Kummer, den Schmerz, das
Leiden, welches die Lebewesen erfahren. Die Lebensreise eines Menschen bedarf
des Schutzes im Sturm. Wer das Elend des Lebens beenden und Glück erlangen
möchte, sollte der buddhistischen Praxis folgen, den Buddha als seinen
„Führer“, den Dharma als seinen „Pfad“ und den Sangha als seine
„Reisegefährten“ betrachten.
Wenn man Buddhist werden möchte, ist es der erste
Schritt, Zuflucht zum Buddha, zum Dharma und zum Sangha zu nehmen. Buddha,
Dharma und Sangha werden als die „Drei Kostbarkeiten“ bezeichnet, da sie
Qualitäten vorstellen, die kostbar wie Juwelen sind.
Ein
Buddhist nimmt Zuflucht zum Buddha als seinem Führer, weil er davon überzeugt
ist, dass der Buddha, der selber Erleuchtung erlangt hat, auch ihn zu diesem
Ziel führen kann.
Der
Dharma, zu dem er seine Zuflucht nimmt, gleicht einem wohlgebahnten Pfad. Solch
ein Pfad kann Wegweiser haben, welche die Richtung anzeigen, Brücken, die
Flüsse überqueren, und Steige, auf denen man den Berg erklimmen kann. Auf
ähnliche Weise umfasst der Dharma Verhaltensregeln, die uns helfen, unheilsame
Handlungen zu vermeiden, und zeigt Mittel auf, mit denen wir unsere Verwirrung
überwinden können. Er lehrt uns auch, wie man Nicht-Wissen überwinden und
Erleuchtung erlangen kann.
Die
Zufluchtnahme zum Sangha gleicht derjenigen zu einem guten Reisegefährten, der
für uns sorgt, wenn wir krank sind, und uns ermutigt, wenn wir ermatten. Die
Mitglieder des Sangha helfen den Laienanhängern, ihre unheilsamen Gedanken zu
läutern, durch einen gesunden Rat ihr Verhalten zu korrigieren, und ermutigen
sie, die Reise zur Erleuchtung fortzusetzen.
1. Vorbemerkung
Alle
Buddhisten, die der rechten Praxis folgen, müssen als ersten Schritt Zuflucht
zu den Drei Kostbarkeiten nehmen. Indem man Zuflucht nimmt, erklärt man sich
zum Schüler der Drei Kostbarkeiten - des Buddha, des Dharma und des Sangha.
Man
mag zahllose Opfergaben an zahllosen Altären dargebracht haben. Aber ohne
tatsächlich an der Zufluchtszeremonie teilgenommen zu haben, ist man nur ein interessierter
Zuschauer des buddhistischen Weges. Dies gleicht einem nicht-registrierten
Studenten, der als Bebachter inoffiziell die Vorlesungen besuchen darf.
Der
Buddha, der Dharma und der Sangha sind die Juwelen des spirituellen Lebens
jenseits der Begrenzungen dieser Welt. Deshalb ist es der erste wichtige
Schritt beim Kultivieren des Weges (der Praxis des Buddhismus), Zuflucht zu den
Drei Kostbarkeiten zu nehmen.
2. Bedeutung der
Zufluchtnahme zu den Drei Kostbarkeiten
2. 1. Die Drei
Kostbarkeiten
„Drei Kostbarkeiten“ ist eine Sammelbezeichnung für den Buddha, den
Dharma und den Sangha.
Buddha:
Buddha ist das Pâli/Sanskrit-Wort für den Vollkommen Erwachten. Aus tiefem
Mitempfinden lehrte der Buddha die Menschen den Weg zum Ende des Leidens und
zur Erleuchtung.
Dharma:
Das Wort „Dharma“ bezieht sich auf die Lehren des Buddha, Begehren, Hass und
Verblendung zu überwinden, um die Menschen aus dem Kreislauf von Geburt und Tod
zu befreien. Der Dharma umfasst das Tripitaka (die Sûtras, den Vinaya und die
Sâstras) und die Zwölf Teile des Mahâyâna-Kanons.
Sangha:
Sangha ist das Pâli/Sanskrit-Wort für „Gemeinschaft“.
In
diesem Zusammenhang bezieht sich „Sangha“ auf die Gemeinschaft der Mönche und
Nonnen. Die zwei wesentlichen Kennzeichen der monastischen Gemeinschaft sind:
A. Alle Mitglieder der monastischen
Gemeinschaft versuchen als ihr gemeinsames Ziel, das Anhaften zu überwinden.
B. Um wirkliche Gemeinschaft zu erlangen,
müssen die Mitglieder die folgenden Regeln strikt befolgen:
1. Einheit im Denken,
2. Gleiche Rechte für alle Mitglieder der
Gemeinschaft,
3. Gleiche finanzielle Stellung aller
Mitglieder,
4. Förderung und Teilen aller gemeinsamen
Interessen,
5. Freundlichkeit und Höflichkeit in Worten
zueinander,
6. Rücksicht und Wohlwollen zu anderen.
Auf
diese Weise bietet die monastische Gemeinschaft eine ideale Umgebung für das
individuelle Kultivieren und ist auch eine wichtige Basis für das Darlegen des
Dharma in einer umfassenderen Gemeinschaft. Mit anderen Worten: der Buddha ist
der Retter, der Dharma ist die Wahrheit, und der Sangha ist der Lehrer. Dies
sind die grundlegenden und wesentlichen Erfordernisse für das eigene
Kultivieren. Wie man als Kranker die Diagnose eines guten Arztes benötigt, um
eine ernste Krankheit zu heilen, so müssen wir uns für unser Kultivieren auf
den Buddha, den Dharma und den Sangha verlassen.
Das
Wort „Juwelen“ bezeichnet normalerweise Edelsteine. In unserem Bemühen, vom
Leiden dieses Lebens befreit zu werden, sind Buddha, Dharma und Sangha, die
kostbarsten Juwelen, die wir besitzen.
2.2 Die Bedeutung
der „Zufluchtnahme“
Zu
den Drei Kostbarkeiten Zuflucht zu nehmen, bedeutet, „gehen zu“ den Drei
Kostbarkeiten und ihnen „antworten“, um ihre Hilfe zu bitten, und vom Leiden
befreit zu werden. Dies gleicht Kindern, die sich unter dem Schutz ihrer Eltern
sicher fühlen. Alte Menschen fühlen sich sicher, wenn sie mit einem
Spazierstock gehen. Seefahrer benötigen einen Kompass, damit sie eine sichere
Überfahrt haben, und in der Nacht brauchen die Menschen eine helle
Strassenbeleuchtung, um zu erkennen, wohin sie gehen.
Die
Drei Kostbarkeiten sind wie unsere Eltern. Selbst bei Abwesenheit seiner Eltern
ruft ein Kind nach seiner Mutter, wenn man ihm wehtut. Die Leute halten sich
dann zurück, weil sie denken, dass die Mutter des Kindes aufpasst. In gleicher
Weise halten sich Dämonen zurück, wenn wir uns unter den wachsamen Augen der
Drei Kostbarkeiten befinden.
Die
Drei Kostbarkeiten sind für uns auch wie ein Kompass. Mit ihnen finden wir
einen sicheren Hafen auf dem grossen Ozean. Unablässiges Rezitieren der
Zufluchtsformel kann die Unterstützung der Drei Kostbarkeiten aufrufen. Wir
können das Leiden des Lebens überwinden und unsere Wahre Natur finden, einen
sicheren Hafen in diesem und in allen künftigen Leben.
3. Die
Segenswirkungen der Zufluchtnahme
Die
Drei Kostbarkeiten gleichen einer Fackel in einer pechschwarzen Nacht, einer
Fähre im Ozean des Leidens, einem ersehnten Regen bei einem Haus in Flammen.
Ausser uns aus dem Leiden befreien, kann uns die Zufluchtnahme zu den Drei
Kostbarkeiten auch in unserem gegenwärtigen Leben helfen. Die folgenden 10
Punkte sind die aus allen Sûtras zusammengefassten Segenswirkungen der
Zufluchtnahme zu den Drei Kostbarkeiten:
1. Man wird formeller Jünger des grossen
Lehrers Sâkyamuni-Buddha.
2. Man wird nicht in die niederen
Daseinsbereiche hinabsinken, sondern von den Devas
vor dem Fall in das Unheilsame bewahrt
werden.
3. Man wird Selbstachtung und charakterliche
Würde gewinnen.
4. Man wird von den Devas beschützt werden.
5. Man wird von anderen geachtet werden.
6. Man wird heilsame Taten vollbringen.
7. Man wird vermehrt Verdienste ansammeln.
8. Man wird stets in der Gemeinschaft
tugendhafter Menschen sein.
9. Man wird die Grundlage für die Übernahme
weiterer Regeln legen.
10.
Man wird Buddhaschaft erlangen.
4. Verschiedene
Aspekte der Drei Kostbarkeiten
Die Drei Kostbarkeiten werden von den Sûtras in verschiedener Weise
gegliedert. Dies sind die drei häufigsten Beschreibungen:
4.1. Die
ursprünglichen Drei Kostbarkeiten
Als der Buddha unter dem Bodhi-Baum Erleuchtung erlangte, brachte er 32
Merkmale und 8 Kräfte hervor. Dies war der ursprüngliche Buddha. Die ersten
Belehrungen betrafen die Vier Edlen
Wahrheiten, die 12 Nidânas und die Drei Dharma-Merkmale und wurden der
ursprüngliche Dharma. Und der erste Sangha wurde gebildet, als fünf gelehrte
Mönche die ersten Jünger des Buddha wurden. Dies waren Kondanna, Bhaddiya,
Vappa, Mahânâma und Assaji.
4.2. Die bleibenden
Drei Kostbarkeiten
Dies
sind die Drei Kostbarkeiten, die fortdauerten, nachdem der Buddha ins Nirvâna
eingegangen war. Alle Buddha-Statuen, ob aus Gold, Silber, Bronze, Stahl, Jade,
Achat, Holz, Ton wie auch alle Bildnisse von ihm werden „Buddha“ genannt. Alle
buddhistischen Sûtras, das Tripitaka (Sûtra, Vinaya und Sâstras), auf
Schriftrollen aus Bambus und Papier wie auch alle Drucke wurden „Dharma“
genannt. Alle Bhiksus (Mönche) und Bhiksunîs (Nonnen), auf welche die
vollständigen Ordensregeln übertragen worden sind, werden „Sangha“ genannt.
4.3. Die Drei
Kostbarkeiten in unserer eigenen Natur
Als
der Buddha unter dem gestirnten Himmel zur Wahrheit erwachte, rief er aus: „Wie
erstaunlich! Alle Lebewesen besitzen die Weisheit und die Natur eines Buddha.
Ihre Täuschungen und ihr Anhaften sind der Grund, warum sie nicht Erleuchtung
erlangen können.“ Unsere eigene Natur besitzt bereits die grenzenlosen
Verdienste der Drei Kostbarkeiten. Wir alle besitzen die Buddha-Natur (den
Buddha). Wir alle besitzen die gleiche und unterschiedslose Dharma-Natur (den
Dharma). Und wir alle besitzen einen reinen, stillen Geist, der frei von
Befleckungen ist (den Sangha).
Wenn
wir Zuflucht zu den Drei Kostbarkeiten nehmen, verlassen wir uns anfangs auf
äussere Hilfe, um uns selbst zu finden. Später werden wir uns auf uns selbst
verlassen, um die Drei Kostbarkeiten zu finden, die in unserer Natur vorhanden
sind. Wir alle gleichen einem Bergwerk voller Schätze. Jene, die Zuflucht zu
den Drei Kostbarkeiten genommen haben, werden diese Schätze ausgraben.
Diejenigen, die dies nicht tun, gleichen aufgelassenen Gruben. Das Gold dort
wird man nie finden. Bei seinem Hinscheiden riet der Buddha seinen Jünger:
„Verlasst euch auf euch selbst! Verlasst euch auf den Dharma! Verlasst euch auf
nichts sonst!“ Dies ist das eigentliche Ziel der Zufluchtnahme zu den Drei
Kostbarkeiten.
5. Dinge, die man
nach der Zufluchtnahme beachten sollte
Nachdem
man die Dreifache Zuflucht genommen hat, sollte man die folgenden Punkte
kennen, wenn man die Lehren des Buddha in sein tägliches Leben einbeziehen
will.
5.1. Ist es
notwendig, Vegetarier zu sein, wenn man Zuflucht genommen hat?
Die
Zufluchtnahme bedeutet nicht notwendigerweise, vegetarisch zu leben. Sie ist
vielmehr ein Gelöbnis, ein immerwährendes, unveränderliches Vertrauen zu den
Drei Kostbarkeiten zu haben. Sie hat nichts damit zu tun, dass wir Vegetarier
wären. Jene, die keine Zuflucht genommen haben, können Vegetarier sein; und
jene, die Zuflucht genommen haben, können sich entscheiden, nicht vegetarisch
zu leben. Zuflucht nehmen bedeutet nicht, Regeln auf sich zu nehmen. Deshalb
gibt es hierbei keine Einschränkungen durch Regeln, auch wenn man sagen könnte, dass es eine Beschränkung
ist, wenn man auf immer Buddhist bleiben und niemals mehr davon abfallen
möchte. Deshalb hat die Zufluchtnahme nichts damit zu tun, ein Vegetarier zu
sein, Regeln auf uns zu nehmen oder die Familie wegen des Eintritts in den
Orden zu verlassen.
5.2. Darf man nach
der Zufluchtnahme zu den Drei Kostbarkeiten noch die Ahnen und die Geistwesen
des Himmels und der Erde verehren?
Diejenigen,
die Zuflucht genommen haben, können trotzdem ihre Ahnen und die Geistwesen des
Himmels und der Erde verehren, denn Verehrung und Zuflucht sind sehr verschieden
voneinander. Zufluchtnahme ist eine Entscheidung für das ganze Leben, während
Verehrung, Verbeugung und das Beugen der Knie Zeichen des Respekts sind, die
wir bei gewissen Anlässen zeigen. Wir können bei der Begegnung mit
Nicht-Buddhisten unseren Kopf neigen, höflich sein und die Hände schütteln. So
können wir auch unseren Ahnen und den Geistwesen des Himmels und der Erde
unseren Respekt erweisen. Die Zufluchtnahme ist jedoch von einer blossen
Ehrfurchtsbezeugung sehr verschieden. Deshalb können diejenigen, die Zuflucht
genommen haben, nicht gleichzeitig den Geistwesen des Himmels vertrauen.
5.3. Ist die
Zufluchtnahme nur zeitweilig?
Die
Zufluchtnahme ist keine zeitweilige Verehrung, sondern das Annehmen eines
immerwährenden Vertrauens. In einem Sûtra heisst es: „Jeder Tag, an dem man
nicht zu den Drei Kostbarkeiten Zuflucht nimmt, ist die Verletzung einer
Regel.“ Deshalb sollen die Buddhisten jeden Tag Zuflucht nehmen, damit sie
nicht vergessen, dass sie Buddhisten sind, und die Ebene des Vertrauens immer
mehr vertiefen, wie auch den Samen der Bodhi aussäen.
5.4. Beten wir
während der Zufluchtnahme zu den Drei Kostbarkeiten tatsächlich den Meister an?
Die
Zufluchtnahme zu den Drei Kostbarkeiten wendet sich an den Buddha, den Dharma
und den Sangha. Sie ist jedoch nicht die Anbetung des Meisters. Wir sollten den
Buddha verehren, an Dharma-Belehrungen teilnehmen und dem Sangha gegenüber
ehrfurchtsvoll sein. Es gibt Menschen, die von sich behaupten, Jünger der Drei
Kostbarkeiten zu sein, aber sie haben nur Zuflucht zu einer der Drei
Kostbarkeiten genommen. Zum Beispiel verehren einige nur den Buddha, hören aber
nie den Dharma und sind auch dem Sangha gegenüber nicht ehrerbietig. Andere
hören den Dharma, ohne aber den Buddha zu verehren oder den Sangha zu
respektieren. Und einige andere respektieren den Sangha, ohne aber den Buddha
zu verehren oder den Dharma zu hören. Diejenigen, die bloss dem Meister der
Zufluchtnahme Opfergaben darbringen, den Buddha als Gottheit betrachten oder
nur um Reichtum und finanziellen Erfolg beten, sind nach buddhistischer
Auffassung keine wahren Jünger. Wahre Buddhisten sollten jeder der Drei
Kostbarkeiten gleiche Verehrung zollen, häufig den Tempel besuchen, in
tugendhafter Gemeinschaft weilen, an Dharma-Belehrungen teilnehmen und alle
Ehrwürdigen als Lehrer ansehen. (Buddhisten verehren keine Bildnisse. Sie
verehren jene, die von den Bildnissen dargestellt werden, und kontemplieren
dann die Tugenden des Buddha.)
Ausserdem
sollen jene Menschen, die die Dreifache Zuflucht nehmen, rechte Einsicht und
rechte Sichtweise besitzen. Sie sollten der Gesetzmässigkeit von Ursache und
Wirkung fest vertrauen und „alle Tugenden praktizieren und alles Unheilsame
meiden“. Nur auf diesem Wege können wir die wirklichen Segenswirkungen des
Dharma entdecken und unser Vertrauen festigen.
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Last Update 02. 九月 2010