Ganzsein und Freisein

Rede zum Leitgedanken 6. Internationalen Hauptversammlung der BLIA am 29.11.1997 in Hongkong durch den Ehrwürdigen Meister Hsing Yun.

Verehrte Gäste und Mitglieder der Buddha's Light International Association von der ganzen Welt

Dank des Mitgefühls und der Weisheit vom Buddha haben wir uns hier versammelt, in der weltweit berühmten Perle des Orients, Hong Kong. Da wir hier zur sechsten Weltkonferenz der BLIA zusammenkommen, bin ich erfüllt von grosser Freude und Glück.
Durch ihre Hingabe und ihre harte Arbeit geniesst die Bevölkerung von Hong Kong eine prosperierende Wirtschaft. Mit den schnellen, in ganz Hong Kong verfügbaren Kommunikationsmitteln ist dies eine sehr fortschrittliche Gesellschaft, wo die Talente im Überfluss vorhanden sind. Hong Kong ist in Asien nicht nur führend im wirtschaftlichen Erfolg, es ist immer ein internationales Zentrum für Handel, Finanzen, Schifffahrt, Tourismus, Telekommunikation und Leichtindustrie gewesen. Es wird auch als einer der zugänglichsten Häfen der Welt angesehen.

Die Rückkehr Hong Kongs zu China erfüllt das chinesische Volk mit Stolz und Freude, nicht nur in Asien, sondern überall in der Welt. Unsere Zusammenkunft heute markiert das erste buddhistische Grossereignis hier, seit Hong Kong an China zurückgegeben wurde, und als solche enthält diese Versammlung eine besondere Bedeutung. Wenn die Bevölkerung in Hong Kong die wahre Bedeutung von "Ganzsein und Freisein" in sein tägliches Leben einzubauen vermag, und weiterhin, diese in der ganzen Welt zu verbreiten, dann glaube ich, dass die Zukunft Hong Kongs und der ganzen Welt strahlender und wundervoller sein wird.
Dass wir heute hier versammelt sind mit "Ganzsein und Freisein" als Thema dieses Treffens ist fürwahr höchst angemessen.
"Ganzsein" bedeutet höchst natürlich und perfekt zu sein. "Ganzsein" ist ein viel begehrter und bewunderter Zustand. Solche Sätze wie "die Schönheit der Blume und die Vollkommenheit des Mondes", "eine grosse Familie mit vielen Kindern", "eine Person vollkommen gesegnet mit Glück, Wohlstand und langem Leben", "eine Jade ohne Makel" sind unsere Ausdrücke, um den Zustand des "Ganzsein" zu preisen. Allzu oft gibt es jedoch in der Realität Momente, in denen das Leben nicht "ganz" ist: im täglichen Leben wird aus Freude Sorge, wenn die Liebsten einen verlassen müssen; Leiden, Glück und Unbeständigkeit sind immer Teil des Lebens. Unsere Emotionen und Gefühle sind Mischungen von Liebe und Hass, Dankbarkeit und Groll; so wie es auch andere Momente gibt. Ebenso wie die Sonne die Zustände des Auf- und des Untergehens einnimmt und der Mond den Zyklen zwischen Vollmond und Neumond unterworfen ist, müssen wir durch Zeiten gehen, in denen das Leben dazu neigt, sehr viele Wünsche offen zu lassen.

Wenn wir von "Freiheit" sprechen, kommen uns Bilder von frei fliegenden Vögeln und spielerisch herumschwimmenden Fischen in den Sinn. Von der Vergangenheit bis in die Gegenwart haben die Menschen immer Loblieder auf die "Freiheit" gesungen. Stellen Sie sich vor, wie attraktiv die Befreiung von Leiden und Nöten ist, wie attraktiv die Freiheit von Sorgen und Ängsten. In der Gesellschaft von heute sehen wir jedoch den Niedergang von Frieden und Ordnung, die Zwietracht innerhalb der Familie, die Instabilität in der politischen Arena und sogar den Mangel an Verständnis unter den Menschen. Zur gleichen Zeit bombardieren uns ständig Informationen aus allen Richtungen, vielerlei Lehren stören und verwirren uns den Sinn, und materialistische Güter führen uns mit Macht in Versuchung mehr zu besitzen... All dies kann uns unseren Sinn für physisches und mentales "Freisein" abhanden kommen lassen, ganz gleich wo wir sind.
Im Gegensatz dazu ist im Buddhismus das Reich von dem Bereich des "Nirvana ohne Rest" dort, wo Chaos, Instabilität und Unordnung vollkommen eliminiert sind, wo Beständigkeit, Glück, wahre Natur und Ruhe herrschen. Wie rein und ganz diese Welt ist. Die Buddhas und Bodhisattvas können sich in den verschiedenen Welten bewegen, um allen fühlenden Lebewesen zu helfen, ihre Befreiung zu finden. Wie ungebunden und frei sind sie! Wie nun finden wir "Ganzsein und Freisein" in unserem täglichen Leben?

Lassen Sie mich Ihnen in dieser Beziehung acht Punkte nennen. Lassen Sie mich zunächst damit beginnen, wie die Offenheit des Geistes zu "Ganzsein und Freisein" in der menschlichen Welt führen kann.

1. Die Offenheit des Geistes führt zu "Ganzsein und Freisein" in der Menschenwelt

In unserer riesigen Welt geniessen wir eine grossartige Vielfalt von Völkern, Ländern und Kulturen. Wenn wir beschränkt oder diskriminierend in unseren Einstellungen sind, werden wir uns mit anderen im Gegensatz finden und bei jeder Gelegenheit auf Hindernissen treffen.
In der chinesischen Geschichte gibt es eine berühmte historische Figur, Yu Hsiang. Er war sehr bekannt für seine militärische Macht, es wurde erwartet, dass er Grösse erreichen würde. Doch wegen seiner eifersüchtigen Natur verlor er die Gelegenheit, die Kontrolle über das Land zu gewinnen. Im Gegensatz zu ihm war Pang Lu offen und zeigte Respekt gegenüber den Gelehrten. Dadurch war er in der Lage, erfolgreich Strategien zu planen und durchzuführen, und er kam schliesslich an die Macht. Während der Periode der kriegführenden Staaten mangelte es dem Volk des Ch'u-Landes an Eifer im Anbau, und entsprechend karg fiel die Ernte aus. Darüber verärgert und mit der Absicht, Schwierigkeit zu verursachen, überquerten sie die Grenze des Nachbarlandes der Liang und zerstörten die Ernte dort. Die hohen Beamten der Liang waren darüber nicht nur nicht zornig, sie befahlen sogar ihrem Volk, dem Volk der Ch'u bei der Bestellung ihres Landes zu helfen und das Land fruchtbar zu machen. Eine Situation mit einem grossen Konfliktpotential wurde friedlich gelöst.
Als Buddha lebte, hatten seine zehn Jünger alle ihre einzigartigen Stärken. Nachdem der Buddha ins Parinirvana eingetreten war, bildeten sich verschiedene Schulen und breiteten sich aus. Als der Buddhismus in der Folge in den Osten kam, arbeiteten die Acht Schulen des chinesischen Buddhismus zusammen, um die Lehren mit wunderbaren Ergebnissen zu propagieren. In der Geschichte des Ch'an liessen die Lehren der Sechs Patriarchen fünf verschiedene Schulen entstehen. Heute hat jede dieser Schulen nach wie vor viele Anhänger.
Wie das bekannte Sprichwort "Der Ozean ist gewaltig, weil er das Wasser von Hunderten von Flüssen aufnimmt; das Gebirge ragt empor, weil es keine Arten von Erde abweist." Im Buddhismus illustrieren die Sprichwörter "Der Geist umfasst den Raum des Universums" und "Jeder Gedanke durchquert dreitausend Welten" kurz und bündig die Ideale der Offenheit des Geistes. Man betrachte die mannigfaltigen Formen in dieser Welt - die roten Blumen und die grünen Weiden, und die Manifestationen der verschiedenen Eigenschaften - die fliegenden Vögel und die springenden Fische. Nur indem wir alles mit dieser Offenheit betrachten, können wir die Bedeutung des Lebens sehen, das Glück des Lebens geniessen und das "Ganzsein und Freisein" des Lebens haben.

2. Zufriedenheit im Alltag führt zu "Ganzsein und Freisein" in der menschlichen Welt

Der grösste Fallstrick in unserem Leben als Menschen ist das unaufhörliche Begehren, das von der Gier stammt. Wenn wir eines erhalten, wollen wir zehn. Wenn wir zehn erhalten, wollen wir hundert. Im Ergebnis fühlen sich die Menschen überwältigt und angestrengt, sowohl körperlich als auch geistig. In ernsteren Fällen ergeben sich manche Menschen völlig ihren Begierden und werden verrufen für Zehntausende von Jahren. Warum laden wir uns dieses auf!
Im "Sutra der hinterlassenen Lehre des Buddha" von Buddhas hinterlassenen Lehren heisst es: "Der Weg der Zufriedenheit ist dort, wo Reichtum und Festigkeit ihren Sitz haben." Es heisst auch: "Eine Person, die zufrieden ist, geniesst Frieden und Glück, auch wenn sie auf der Erde schläft. Eine Person, die nicht zufrieden ist, ist auch dann nicht befriedigt, wenn sie im Himmel lebt." Es gibt ein weiteres Sprichwort: "Eine Person, die nicht zufrieden ist, fühlt sich arm, auch wenn sie reich ist." Zum Beispiel gab es einen Mann namens Hui Yen. Dieser lebte am Rande des Existenzminimums in einem Elendsviertel, doch seine Lebensumstände verringerten in keiner Weise sein Glück. In einem anderen Beispiel lehnte Ch'u Yen auf taktvolle Weise das Angebot des Königs Hsuan von Land der Ch'i ab, ein hoher Beamter zu werden, mit der Begründung: "Zu essen, wenn ich hungrig bin, lässt die Nahrung vortrefflich schmecken. Friedvolles Spazierengehen dient mir zur Fortbewegung. Kein Verbrechen zu begehen, ist Adel. Und ich finde mein Glück in einem sauberen und reinen Leben." Die Menschen einer späteren Zeit priesen ihn wie folgt: "indem er zu seinem ursprünglichen Selbst zurückkehrte und die Wahrheit wiedererlangte, musste er sich niemals Beleidigungen gefallen lassen."
Mahakasyapa kultivierte Askese zwischen den Gräbern und schlief unter Bäumen in einem solchen Ausmass, dass der Buddha seinen Sitz mit ihm teilte, um seinen Eifer zu loben. Meister Hung Yi sagte einmal: " Salzigkeit hat ihren einzigartigen Geschmack; Nüchternheit hat ihren eigenen Geschmack." Da die Meister und Weisen der Vergangenheit die spirituelle Kultivierung betrieben, wenige Begierden zu haben und zufrieden zu sein, konnten sie über weltliche materielle Güter hinausgehen und Erbarmen haben für alle fühlenden Wesen. Dadurch, dass sie nichts besassen, hatten sie alles; sie hatten die grenzenlose Dharma-Erleuchtung. Zufriedenheit ist Reichtum, Zufriedenheit ist Haben, Zufriedenheit ist "Ganzsein", Zufriedenheit ist "Freisein".
"Nichts zu besitzen" bedeutet nicht, "nichts zu haben". Durch das "Nichts-Besitzen" können wir das unermessliche und grenzenlose Reich des Dharma geniessen, können wir uns identifizieren mit den unzähligen und grenzenlos fühlenden Lebewesen. Durch das "Nichts-Besitzen" werden wir die Versuchungen der fünf Begierden weder ersehnen noch meiden, verabscheuen wir weder diese Welt, noch fordern wir etwas von ihr. Um alle fühlenden Lebewesen zu emanzipieren und Gesellschaften und Nationen zu nutzen, haben die Buddhas und Bodhisattvas die folgenden weisen Worte gesprochen: "Man findet dauerhaftes Glück innerhalb der Zufriedenheit, man findet Frieden innerhalb der Geduld." Sogar in einer Umgebung voll mit den fünf Trübungen und den zehn Übeln, können die Buddhas und Bodlüsattvas Frieden finden und sie als das Reine Land sehen.

Hiermit hoffe ich, dass alle Mitglieder der BLIA es den Weisen der Vergangenheit gleichtun und Einfachheit und Zufriedenheit praktizieren können als Mittel, um "Ganzsein und Freisein" in der menschlichen Welt zu erfahren. Wenn wir die Praxis anwenden können, dauerhaftes Glück innerhalb der Zufriedenheit zu finden, können wir für uns selbst ein Leben schaffen voller "Ganzsein und Freisein".

3. Gleichheit unter den Menschen führt zu "Ganzsein und Freisein" in der menschlichen Welt

Alles in dieser Welt ist ursprünglich ganz und frei. Ein Gedanke der Unwissenheit und der Illusion jedoch lässt solche Wahrnehmungen von Dualitäten entstehen, wie überlegen und unterlegen, kommen und gehen, mit und ohne, werden und verenden, gross und klein, innen und aussen, gut und schlecht, weise und dumm. Solche Unterscheidungen wiederum verursachen Kämpfe zwischen den Völkern, vertiefen den Antagonismus zwischen den Völkern, steigern die Animositäten zwischen den Rassen und lassen die kriegerischen Spannungen zwischen den Nationen eskalieren.
Die neueren historischen Kapitel der Französischen Revolution, die sich mit der Freiheit vermählte, und der Amerikanischen Revolution, die die Demokratie umfasste, sind Beispiele des Kampfes für Gleichheit und "Ganzsein und Freisein" für alle. In der chinesischen Geschichte war einer der Hauptgründe für die Revolution, angeführt durch Dr. Sun Yet-Sen, die Manchu Dynastie zu überwinden, damit die Nationen der Welt das Volk Chinas mit Fairness und Gleichheit behandeln sollten.
Vor mehr als zweitausendfünfhundert Jahren war der Buddhismus bereits für die Ideale des "Alle Lebewesen haben die allumfassende Buddhaweisheit" und "Sei freundlich zu allen ohne Vorbedingung, sei mitfühlend, da wir es innerhalb desselben Ganzen" sind eingetreten. Auf diese Weise hat der Buddhismus nicht nur die Bedeutung der wechselseitigen Gleichheit vorangebracht, sondern uns auch die vollständigste Definition der Gleichheit in diesen Universum gegeben.
Innerhalb des Sangha des Buddha steckt der Geist der Gleichheit in dieser Feststellung. "Wenn die Wasser der Seen, der Bäche, der Ströme und Flüsse in den Ozean münden, haben sie alle denselben salzigen Geschmack. Wenn Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund sich dem Sangha anschliessen, werden sie alle Familienmitglieder des Sakyamuni". Lassen Sie uns das Folgende bedenken: Der mitfühlende Avalokitesvara-Bodhisattva kommt, um uns zu helfen, der Ksitigarbha-Bodhisattva geht in die Hölle, um die leidenden Lebewesen zu retten, und der niemals herabsetzend Bodhisattva behandelt alle fühlenden Lebewesen mit höchstem Respekt. Darüber hinaus erwiesen die Sravakas und Arhats einem achtjährigen Drachenmädchen Respekt, das von weit her war. 
Kumarajiva aus der Mahayana-Tradition und P'an-t'ou-ta-tuo aus der Theravada-Tradition lernten von einander; der Hausvorstand Vimalakirti predigte an der Taverne, und der Meister, der wohlgeachtet war für seine asketische Praxis des Wasserholens, zog es vor, unter Bettlern zu leben. All dies sind Demonstrationen der wahren Bedeutung der Gleichheit unter den Menschen. Reiche und Arme gleich zu behandeln, ist eigentlich Respekt vor einem moralischen Charakter. Sich selbst und andere gleich zu behandeln ist Harmonie zwischen dir und mir.

Ich hoffe, dass alle Mitglieder der BLIA das Leben zu schätzen wissen, sich den Vier Grossen Gelübden verpflichten, Güte, Mitgefühl, mit Mitfreude und Gleichmut praktizieren, ein rechtschaffenes Leben führen, Frieden spenden und Glück den Lebenden und Hoffnung den Sterbenden. Das meinen wir mit der ständigen Anwendung der Sechs Paramitas und heilsamer Handlungen und mit der Befreiung von den Zyklen von Wiedergeburt und Tod. Wenn wir solch ein grosses Gelübde der Gleichheit haben können, wie kann dann unser Leben nicht "ganz und frei sein"?

4. Prajna im Verhalten im Leben führt zu "Ganzsein und Freisein" in der menschlichen Welt

Wir hören häufig Menschen klagen: "In dieser Welt ist es schwierig, das Richtige zu tun; es ist noch schwieriger, die Menschen richtig zu behandeln." Die Wahrheit ist, dass dieses Problem entsteht, weil wir häufig nicht den Geist der Prajna-Weisheit haben. Deshalb neigen wir dazu, nicht geschickt genug zu sein, Angelegenheiten zu regeln oder mit anderen umzugehen. Was ist Prajna? Prajna heisst, sensibel zu sein und gemäss den Umständen zu handeln. Prajna heisst wendig und anspruchsvoll zu sein. Prajna heisst, gewöhnliche Bewusstsein in Weisheit umzuwenden. Prajna heisst, das wahre Verständnis der letzten Wirklichkeit des Soseins zu erlangen.
Wenn wir Prajna haben, können wir erkennen, dass alle Lebewesen grundsätzlich ein Ganzes sind. Deshalb werden wir nach dem Höchsten Erwachen streben und Bodhisattva-Gelübde ablegen, uns und anderen zu nützen, uns und anderen zu helfen, Verständnis zu erreichen und die Ursachen und Bedingungen für "Ganzsein und Freisein" zu kultivieren. Wenn wir Prajna besitzen, können wir klar erkennen, dass alle Phänomene des Universums in ihrer Natur leer sind. Wir können dann in aller Ruhe unseren Körper und Geist besänftigen, in Übereinstimmung mit unseren Bedingungen sein, ohne dass wir unsere Überzeugungen beeinflussen lassen, können standhaft in unserem Glauben an die buddhistischen Lehren sein, während wir in Harmonie mit unseren Umständen sind, und können die wunderbare Anwendung von "Ganzsein und Freisein" erlangen. Wenn wir Prajna besitzen, können wir uns von Verwirrung und Illusion entfernen, uns von illusionären Gedanken und Unterscheidungen lösen und uns daher von allen Leiden, von Sorgen und von Ignoranz befreien und hinüberschreiten auf den hellen offenen Pfaden Richtung "Ganzsein und Freisein". Wenn wir Prajna haben, können wir die Dualität aus Selbst und anderen vollkommen eliminieren, allen Unterschieden und Konflikten die Vereinigung bringen, Streit und Zwietracht mit anderen überwinden und das glänzende Leben des "Ganzsein und Freisein" beginnen.
Prajna ist nicht etwas, was wir ausserhalb unserer selbst suchen, weil Prajna tatsächlich das natürliche Ausströmen von Weisheit aus der letzten wahren Natur innerhalb unserer selbst ist. Prajna ist nicht etwas weit Entferntes, nach dem wir trachten. Prajna ist genau hier, in unseren täglichen Aktivitäten beim Gehen, Stehen, Sitzen und Sich-Niederlegen.
Im Eröffnungsabschnitt der Diamant-Sutra sehen wir, dass der Buddha in jedem Moment die unendlichen Strahlen des Prajna ausströmte, ob er sprach oder schwieg, ob er mitten in einer Handlung oder er still war. Wenn Buddha sein Gewand anzog oder seine Almosenschale hielt, strömten seine Hände die Strahlen des Prajna aus. Wenn er für Almosen unterwegs war und um Nahrung bettelte, strömte sein Körper Prajna aus. Wenn er seine Füsse wusch, strömten seine Füsse die Strahlen des Prajna aus. Wenn er seine Matte zurechtrückte und sich niedersetzte, strömte sein ganzer Körper die Strahlen des Prajna aus. Und wenn er den Dharma erläuterte, um den Lebewesen zu nützen, entströmte seinem Mund die Strahlen des Prajna.
Weitere Beispiele sind zu finden in den Antworten der berühmten Ch'an-Meister: Ch'an-Meister Yun Mens "Sesambrot", Ch'an-Meister Chao Chous "Trink Tee", Ch'an-Meister Ta Chus "lss, wenn du hungrig bist, schlaf, wenn du schläfrig bist", Ch'an-Meister Lung Yas "Ausser dem Fegen des Fussbodens, dem Brühen des Tees und dem Flicken der Kleidung gibt es nichts, worum man sich Sorgen machen müsste." All diese sind wundervolle Anwendungen der erleuchtenden Strahlen des Prajna.

Ich hoffe, dass alle von uns diesen unschätzbaren Schatz in unserem Herz und Geist hegen und das Prajna in unserem Verhalten und im Umgang mit anderen anwenden, und lassen Sie uns alle von dieser Welt das Reich des "Ganzsein und Freisein" erreichen.

5. Frieden und Stabilität in der Gesellschaft führen zu "Ganzsein und Freisein" in der menschlichen Weit

In unserer gegenwärtigen Gesellschaft eskalieren Probleme wie Waffen, Drogen, Sex und Gewalt Tag für Tag. Die Menschen leben in Angst. Sie können keinen Frieden und keine Sicherheit finden, geschweige den "Ganzsein und Freisein" im täglichen Leben. Wenn wir um uns schauen, können wir Menschen sehen, die privat Bitterkeit hegen und sogar öffentlich auf den Strassen protestieren. Ich glaube nicht, dass dies Wege sind, die wirklich unsere augenblicklichen Probleme lösen können. Individuen und Gesellschaft sind vollkommen aufeinander bezogen. Chinesische Sprichwörter wie die folgenden erinnern uns an die Bedeutung der Stabilität in einer Gesellschaft. "Es gibt keine intakten Eier unter einem heruntergefallenen Nest", "Wenn die Haut nicht länger vorhanden ist, kann das Haar dann immer noch sicher befestigt sein?" und "Wenn die Lippen sterben, sind die Zähne der Kälte ausgesetzt". Zusammengefasst: "Wir sind alle verantwortlich für Stabilität oder Chaos der Gesellschaft und der Nation." Konsequenterweise sollten wir alle gewissenhafte Bürger sein, die das Gesetz unterstützen und die Gerechtigkeit hochhalten. Wir sollten alle freiwillig Arbeit tun, um einander zu helfen und zu unterstützen. Wir sollten alle "gute Samariter" werden und unsere Dienste anbieten und andere motivieren, Gutes zu tun. Wir sollten alle aufrechte Bürger werden, uns an das Gesetz halten und unserer Verantwortung treu bleiben. Nur wenn die Gesellschaft friedlich und stabil ist, können wir mit "Ganzsein und Freisein" leben.
Seit dem vergangenen Mai hat die Sektion Republik China der BLIA eine Reihe von Veranstaltungen organisiert, um die "Mitgefühl- und liebende Sorge-Kampagne" auf ganz Taiwan zu unterstützen. An der Verpflichtungszeremonie für die "Menschen für Mitempfinden und liebende Sorge" am fünften Oktober diesen Jahres nahmen achtzigtausend Menschen teil. Unter den Teilnehmern waren Menschen verschiedener sozialer Herkunft und Vertreter verschiedener religiöser Konfessionen. Gemeinsam proklamierten sie alle laut: "Reinigt den Geist, stellt die Moral wieder her, entdeckt das Bewusstsein wieder und stabilisiert die Gesellschaft!" Heute gibt es zweitausend Lehrer der "Menschen für Mitempfinden und liebende Sorge", die sich für die Ideale des Mitgefühls und der lebenden Sorge in vielen Städten einsetzen. Ihre Anstrengungen sind sehr gut angekommen.

Ich hoffe, dass alle Fo Kuang-Buddhisten geloben können, Vorreiter für gesellschaftlichen Frieden zu sein, Spuren unseres Lebens in der Geschichte zu hinterlassen, unsere Güte und unser Mitempfinden mit der Öffentlichkeit zu teilen, ein "ganzes und freies" Reines Land in dieser Welt zu erschaffen und eine "ganze und freie" Gesellschaft aufzubauen.

6. Harmonie innerhalb der Familien führt zu "Ganzsein und Freisein" in der menschlichen Welt

Die Familie ist die Auftankstation auf der Reise des Lebens, ein sicherer Hafen, Schmerz zu beenden und Verletzungen zu pflegen, ein Zufluchtsort für die Wärme von geliebten Menschen und eine Raststätte für uns, das Glück zu geniessen. Familiäre Harmonie ist ein Schlüsseleiement im körperlichen und geistigen Wachstum der Familienmitglieder und hat eine direkte Auswirkung auf den Frieden und die Stabilität der Gesellschaft. Wenn wir in der heutigen Gesellschaft um uns schauen, können wir viele Kinder sehen, die, weil sich die Eltern bekämpfen, nach der Schule eher durch die Strassen ziehen würden auf der Suche nach einem Zuhause ausserhalb ihrer eigenen Häuser. Zugleich gibt es viele Erwachsene, die wegen der Zwietracht in ihren Familien eher ihre Zeit in den Strassen damit verbringen würden, nach der Arbeit zu trinken, zu essen und sich Vergnügungen hinzugeben, als nach Hause zu gehen. Die Härten und Wunden, die diese Kinder und Erwachsenen in ihren Familien erlitten haben, können zu sozialen Problemen und nationalen Krankheiten in der Zukunft werden.
Der Buddhismus setzt eine äusserst starke Betonung auf das Glück der Familie. In Sutren wie dem Upasika-Sila-Sutra, Yu-Yeh-Sutra, Maharatnakuta-Sutra und dem Mahaparinirvana-Sutra lehrte der Buddha seine Anhänger nicht nur, wie sie gemäss den Familienregeln leben sollten, sondern er erklärte ihnen auch, wie sie mit dem Haushaltsgeld umgehen sollten. Heutzutage betont die Beziehung zwischen Eltern und Kindern nun die Kommunikation und Kooperation. Die Familienmitglieder müssen einander respektieren und nachgeben, genauso wie Tanzpartner beim Tango. Familienmitglieder sollten lernen, den Standpunkt des anderen einzunehmen und sorgsam und rücksichtsvoll zu sein. Auch sollten Familienmitglieder einander oft Komplimente machen, ermutigen, unterstützen und trösten. Familienmitglieder sollten lernen, einen Sinn für Humor zu zeigen und eine warme und angenehme Atmosphäre aufzubauen. Es gibt ein altes Sprichwort: "Der Wohlgeschmack einer fachmännisch zubereiteten Suppe kommt von der Mischung der verschiedenen Zutaten. Der wechselseitige Nutzen einer eingespielten Gruppe kommt von der Zusammenarbeit der einzelnen." Nur wenn Harmonie herrscht, können wir wechselseitigen Nutzen erreichen, kann es Glück geben. Wenn wir alle aktiv Harmonie innerhalb der Familien betonen und erstreben und weiterhin unsere Anstrengungen vergrössern, wie könnte es dann möglich sein, einen Ort zu finden, an dem nicht "Ganzsein und Freisein" im Leben herrschen.

7. Gesundheit von Körper und Geist führt zu "Ganzsein und Freisein" in der Menschenwelt

Ein gesunder Körper und ein gesunder Geist sind die wichtigsten Voraussetzungen für "Ganzsein und Freisein". Stellen Sie sich vor, die vier grossen Elemente des Körpers wären nicht in Harmonie, unsere Körper fühlten sich nicht gut eingestellt, und wir fänden uns selbst krank im Bett. Unter solchen Umständen wären wir nicht in der Lage, anderen zu helfen, ja, wir bräuchten andere, die sich um uns kümmern. Wie können wir dann "Ganzsein und Freisein" haben?
Wenn Begehren, Hass und Verblendung in unserem Geist auflodern, behindern wir uns selbst. Wenn wir versucht werden, Verfehlungen zu begehe, sind wir nicht nur nicht in der Lage, uns friedlich zu verhalten, wir brauchen sogar Trost von anderen. In Extremfällen begehen die Menschen schliesslich alle Arten von Grausamkeiten, werden schliesslich verhaftet und eingesperrt. Sie bringen ihren Familien Schande und die Gesellschaft durcheinander. Wie kann es da "Ganzsein und Freisein" geben?
Der Buddhismus lehrt uns, dass unsere Gedanken und Handlungen gleich wichtig sind und hebt die Bedeutung eines gesunden Körpers sowie eines gesunden Geistes hervor. Der Verzehr von schlichten und einfachen vegetarischen Gerichten kann unseren Geist des Mitempfindens nähren, die sanftere Seite unseres Charakters hervorbringen, unsere Geduld stärken und unsere körperliche Gesundheit kräftigen. Klausuren können unser tägliches Leben disziplinieren und unsere Praxis der Selbstreflexion kultivieren. Die buddhistischen Verhaltensweisen, wie das Praktizieren der fünf Betrachtungen zu den Mahlzeiten, das Stehen wie eine Kiefer, das Gehen wie der Wind, das Sitzen wie eine Glocke und das Sich-Hinlegen wie ein Bogen dienen demselben Zweck. Darüberhinaus können uns Praktiken wie Pilgerreisen, den Buddha zu verehren, Ch'an zu studieren, in der Meditation zu sitzen, den Namen des Buddha zu rezitieren, Sutren zu singen, Reue zu üben, Gelübde abzulegen, und sich der Segenswirkungen zu erfreuen und Güte zu schätzen, können uns vom Schmutz der weltlichen Sorgen läutern und unsere Anstrengungen, unser Herz und unseren Geist zu reinigen, ein grosses Stück voranbringen.

Ich hoffe, dass alle BLIA-Mitglieder die Gesundheit des Körpers und des Geistes geniessen können. Lassen Sie uns alle einen Schritt weiter vorangehen, so dass von unserem Körper und unserem Geist ein Leuchten ausgeht, auf dass wir beständig den Einsatz und die Hingabe aufbringen, anderen zu dienen, den Geist des Gebens und des Aufopferns behalten und uns an Aktivitäten beteiligen, die der Öffentlichkeit nützen. Auf diese Weise können wir die Freude des Dharma verbreiten und alle Lebewesen "Ganzsein und Freisein" erfahren lassen.

8. Selbst-Befreiung führt zu "Ganzsein und Freisein" in der menschlichen Welt

Der Vierte Patriarch der Ch'an-Schule, Ch'an-Meister Tao Hsin, fragte einmal den Dritten Patriarchen, Ch'an-Meister Seng Ts'an: "Wie erlange ich Befreiung und Freisein?" Ch'an-Meister Seng Ts'an entgegnete ihm als Antwort: "Wer bindet dich?" Mit solch einer rhetorischen Erwiderung lösen sich augenblicklich Rätsel, die seit Anbeginn der Zeit existieren. Wir können nicht helfen, aber applaudieren und ausrufen. In der Tat sind diejenigen in der Welt, die uns binden können, keine anderen als wir selbst. Wenn wir dem Reichtum anhängen, hat der Reichtum eine Fessel um unseren Geist und unsere Willenskraft gelegt. Wenn wir der Macht anhängen, kann die Macht unsere Herzen umhüllen. Wie in alten Sprichwort "Ruhm, Fesseln und Reichtum binden" haben sich viele Menschen für Ruhm und Reichtum geplagt.
Eine Faust" die eine Süssigkeit fest umklammert, kann niemals durch eine enge Gefässöffnung gezogen werden. Ein Fuss, der fest zurückgezogen wird, kann niemals einen Schritt vorwärts machen. Nur wenn wir die Dinge loslassen können, können wir sie uns wirklich aneignen, Um Befreiung und "Freisein" zu erreichen, haben wir zu lernen, alles loszulassen, unseren Geist zu öffnen, unseren Horizont zu erweitern und das grosse Bild zu sehen. Im Laufe der Geschichte haben alle Buddhas und Bodhisattvas gezeigt, wie sie persönlichen Gewinn loslassen könnten, um allen fühlenden Lebewesen ohne Zögern zu nützen, sogar um den Preis ihres Lebens. Ohne Vorbehalt sind alle vergangenen und gegenwärtigen Helden fähig gewesen, ihre persönliche Sicherheit für das Wohl der Allgemeinheit aufzugeben. Während sie die Leiden der anderen linderten, erlangten sie auch "Freisein" und Befreiung für sich selbst. Unter einer demokratischen Verfassung sind Grossbritannien und die Vereinigten Staaten in der Lage gewesen, ihre Länder zu einen und den Bedürfnissen aller besser zu dienen. Wenn enge individuelle Sichtweisen verlassen werden und jedermann sich an das Gesetz hält, können alle harmonisch leben. Ist dies nicht ein perfektes Beispiel dafür, wie man von der Selbst-Befreiung beginnen kann, um die Ebene von "Ganzsein und Freisein" für alle zu erreichen?

Die oben genannten acht Punkte sind ein Vorschlag, wie wir "Ganzsein und Freisein" in der menschlichen Welt erreichen können. Durch die chinesische Geschichte hindurch entwurzelte das Chaos der Kriege viele Individuen und riss zahllose Familien auseinander. Gegenwärtig haben alle unsere Führer einen offenen und weiten Ausblick, nehmen aktiv ihren Platz in der internationalen Arena ein, bauen eine Gesellschaft auf, die von den Menschen, durch die Menschen und für die Menschen ist, und bringen allen "Ganzsein und Freisein".

Lassen Sie uns, alles Mitglieder der BLIA, voll und von ganzem Herzen Weihrauch darbringen und für den Frieden und die Einheit der Welt beten, um den Wohlstand aller Nationen und die Sicherheit unter allen Menschen. Lassen Sie uns "Ganzsein und Freisein" in der Gesellschaft in die Wirklichkeit umsetzen, "Ganzsein und Freisein" innerhalb der Familien und "Ganzsein und Freisein" in unserem Herz und in unserem Geist!

aus dem Englischen von Chih-Kang Chen

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Last Update 14. 八月 2010